„Was heißt schon typisch?“

Montag, im März 2009
Diese Woche beginnt komisch. Mit einem Witz, den mir ein Freund am Telefon erzählt. Ein Wirtschaftsprüfer-Witz: „Ein Mathematiker, ein Jurist und ein Wirtschaftsprüfer“, so mein eigentlich guter Freund, „werden gefragt, wie viel zwei mal zwei sei. Der Mathematiker nimmt einen Rechenschieber und antwortet: ,Angenähert vier’. Der Jurist denkt eine Weile nach: ,Unter normalen Umständen und unter dem Vorbehalt einer genauen Prüfung würde ich sagen: vier.’ Der Wirtschaftsprüfer antwortet mit einer Gegenfrage: ,Was soll denn herauskommen?’“

Ein Blick auf die aktuellen Schlagzeilen über das Zusammenbrechen weltweit agierender Finanzkonzerne lassen vermuten, wo die Ursprünge dieser Vorurteile liegen. Aber was hat das mit meiner Welt der Wirtschaftsprüfung bei Kreditgenossenschaften zu tun? Ist das wirklich „typisch“? Ganz untypisch sind die Rahmenbedingungen: Meine Prüfungsregion liegt in der Nähe meines Heimatorts. Sie umfasst fünf Mandanten in einer Region, die eine spannende Mischung aus Ballungsraum und ländlicher Struktur bietet. Meine morgendliche Fahrzeit zu den Volksbanken oder Raiffeisenbanken beträgt meistens nicht mehr als 30 Minuten – das ist schon etwas Besonderes. Auf die Mandanten kann ich mich einstellen, ich begleite sie zum Teil über Jahre und kenne ihr Handlungsumfeld gut.

Meine „typische“ Arbeitswoche beginnt, wie eigentlich an jedem andern Tag, mit einem Lächeln – mit dem Lächeln einer freundlicher Dame am Empfang der Volksbank, in der meine Teamkollegen und ich unter anderem das tun, was formell als Prüfung der „Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsführung“ und „Feststellung der wirtschaftlichen Verhältnisse“ bezeichnet wird. Gewissenhaft und unparteiisch!

Zunächst aber ein „Update“, mein „Update“: ein Kaffee und der Check von E-Mails und Fachinformationen vom Server des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes, meines Arbeitgebers. Dann geht es ans Analysieren und Organisieren. Denn alle Zahlen, Vorgänge und Sachverhalte auf einmal in einer Bank kritisch zu prüfen, ist unmöglich. Dafür sind die Vorgänge des Unternehmens zu heterogen, die Zusammenhänge zu komplex. Ich checke „Prüffelder“, die ich mir selbst zugeordnet habe. Die Durchsicht der Prüfungsergebnisse der Teammitarbeiter, die mir bereits vorliegen, hilft mir, die weiteren Schritte strategisch zu planen.

Als Hauptansprechpartner der Bankvorstände gehört die Diskussion der Interpretationsversuche von Rechnungslegungsvorschriften zum Tagesgeschäft - oft schon im Vorfeld der Prüfung. Als Wirtschaftsprüfer bin ich auch Wegweiser in einer immer komplizierter werdenden Welt der Vorschriften und Verordnungen. Der Dialog mit anderen Wirtschaftsprüfern in unserem Hause hilft, sich in Zweifelsfällen Rückendeckung zu holen und abzusichern.

Dienstag, im März 2009
Das Telefon klingelt. Auch typisch: Der Prüfungsbericht einer anderen Bank liegt zur Unterschrift im Sekretariat bereit. Ich reserviere mir einen Termin für den nächsten Tag und beginne schon mal, die in der Berichtskritik aufgeworfenen noch offenen Fragen zu beantworten. Erst wenn alles geklärt ist, wird unterschrieben. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch an den allerersten Bericht, den ich als Wirtschaftsprüfer unterschreiben durfte. Vor lauter Aufregung habe ich vorher ein ganzes Blatt mit Unterschriften beschrieben, damit ich im Ernstfall nicht zu sehr zittere. Meine Sekretärin hatte mir aber – wohl schon aus Erfahrung mit anderen Wirtschaftsprüferkollegen – bereits ausreichende Ersatzseiten vorbereitet …

Mittwoch, im März 2009
Haken dran! Die Unterschrift ist geleistet. Es kann also weiter gehen. Der nächste Termin: ein Meeting mit einem Berufskollegen. Wir planen gemeinsam ein Seminar zum Thema „Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG)“. Wir wollen in regionalen Prüferkonferenzen unsere eigenen Kollegen sowie in Inhouse-Seminaren interessierte Mandanten schulen. Zwei Seminartermine stehen bereits im Kalender. Für nächste Woche.

Freitag, im März 2009

Zum Abschluss der Woche fahre ich zur Prüfungsschluss-Sitzung einer kleineren Bank ins ländliche Münsterland. Die Prüfungsschlusssitzung verspricht wie die gesamte Prüfung konfliktfrei zu verlaufen. Dem ist auch so: Unterstützt von einer Powerpointpräsentation werden die wesentlichen Prüfungsfeststellungen zügig durchgesprochen, so dass am Ende sogar noch Zeit bleibt für ein anregendes und launiges Gespräch mit dem Aufsichtsrat. Solche Momente belohnen. Denn: Der Weg von der Uni bis zur Bestellung als Wirtschaftsprüfer ist anspruchsvoll und zeitraubend. Er hat sich aber gelohnt – und das auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Zur Person:
Dipl.-Kfm. Dominik Kitzinger (39), Wirtschaftsprüfer/Steuerberater, hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert, Schwerpunktfächer Wirtschaftsprüfung und Internationales Marketing Management. Er arbeitet beim Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband e.V. (RWGV) und ist seit einem Jahr als Wirtschaftsprüfer bestellt. Der RWGV mit Sitz in Münster ist ein modern aufgestellter Prüfungsverband mit rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mit bewusst gelebter regionaler Ausrichtung antworten wir als Verband auf die Vielfältigkeit des Wirtschaftslebens im Rheinland und in Westfalen. In dieser von Wachstum und Wandel gekennzeichneten Region prüft, berät und betreut der RWGV seine rund 640 Mitgliedsgenossenschaften, unter anderem rund 220 Volksbanken und Raiffeisenbanken.
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