Genossenschaften investieren in ländlichen Raum

05.05.2010

50 Millionen Euro in Ausbau der Standorte investiert/ Schlechte Preise lassen Umsätze sinken.

Münster. „Auch in Zeiten niedriger Rohstoffpreise können sich die Landwirte auf ihre genossenschaftlichen Unternehmen verlassen“, so Hans Pfeifer, Vorstandsvorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes (RWGV) anlässlich des Jahrespressegespräches des Verbandes in Münster. Trotz des äußerst dürftigen Preisniveaus für landwirtschaftliche Erzeugnisse seien die Genossenschaften auch im vergangenen Jahr in der Lage gewesen, zum Wohle ihrer Eigentümer – der Landwirte – zu investieren. „Unsere Warengenossenschaften haben im Schnitt an jedem zweiten Standort in das Kerngeschäft investiert. Getreideannahmen, Lagerkapazitäten oder moderne Technik – zusammen waren das etwa 50 Millionen Euro“, sagte Hans Pfeifer. Möglich sei diese Kraftanstrengung nur gewesen, weil die genossenschaftlichen Unternehmen sich trotz schwierigem Wirtschaftsjahr 2008 dem Strukturwandel optimal angepasst hätten.

Im Jahr 2009 gingen die Umsatzerlöse der 181 landwirtschaftlichen Genossenschaften zwischen Minden und Trier insgesamt um 11,5 Prozent auf 16,2 Milliarden Euro zurück. „Allein die Steigerung bei der umgesetzten Menge der Agrarerzeugnisse hat ein noch größeres Umsatzminus verhindert“, erklärte Pfeifer. Hatten sich die Märkte für landwirtschaftliche Produkte im Jahr 2008 noch sehr volatil gezeigt, so verharrten sie im vergangenen Jahr auf niedrigem Niveau.

Bezugs- und Absatzgenossenschaften

Einschließlich der Warengenossenschaften mit Viehgeschäft setzten die 76 Bezugs- und Absatzgenossenschaften des RWGVs im Jahr 2009 insgesamt 2,2 Milliarden Euro um. Im Vergleich zum Jahr 2008 entspricht das einem Minus von acht Prozent. „Rechnen wir das Viehgeschäft der Bezugs- und Absatzgenossenschaften heraus, ergibt sich sogar ein Umsatzrückgang von 11,6 Prozent“, erläuterte Hans Pfeifer. Neben den unbefriedigenden Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse war vor allem der niedrige Diesel- und Heizölpreis im Jahr 2009 für diese Entwicklung verantwortlich. „Nach wie vor ist das Geschäft mit Brenn- und Treibstoffen ein wichtiger Umsatzträger unserer Bezugs- und Absatzgenossenschaften“, so Pfeifer. „Der Preisverfall bei Heizöl hatte bereits Ende 2008 zu enormen Nachholeffekten geführt. Es war daher nur natürlich, dass wir hier im vergangenen Jahr auch mengenmäßig einen Rückgang erlebten.“ Mit 606 Millionen Euro setzten die Genossenschaften im Bereich Brenn- und Treibstoffe 17,5 Prozent (Menge: minus 31,2 Prozent) weniger um als im Vorjahr.

Der Umsatz bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen ging um 18,2 Prozent auf 330 Millionen Euro zurück. „Ihren Mengenumsatz konnten unsere Genossenschaften aber in dieser Sparte um 12,3 Prozent steigern“, so Pfeifer. Das zeige einerseits, dass die Genossenschaften vor Ort weiterhin als starke Partner in Anspruch genommen werden, andererseits spiegele es natürlich das niedrige Preisniveau wider. Auch im Bereich der Futtermittel machte sich dies mit einem Umsatzrückgang von 8,3 Prozent (Menge: minus 5,3 Prozent) auf 458 Millionen Euro bemerkbar.

Die niedrigen Erzeugerpreise für die Landwirtschaft wirkten sich auch auf andere Geschäftsbereiche aus. „Während das Geschäft mit Düngemitteln stagnierte, war der Umsatz mengen- und preisbedingt im Pflanzenschutz rückläufig“, sagte Pfeifer. Hier machten die Bezugs- und Absatzgenossenschaften knapp 30 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr.

Vieh- und Fleischwirtschaft

Durchaus erfreulich ist das Viehgeschäft der Primär-Genossenschaften im vergangenen Jahr verlaufen. Sowohl mengenmäßig (plus 13,3 Prozent) als auch wertmäßig (plus 14,3 Prozent) konnten die Umsätze deutlich gesteigert werden. Insgesamt wurden fast 5,7 Millionen Stück Vieh mit einem Wert von 690 Millionen Euro umgesetzt. „Und das obwohl die Schlachtschweinepreise im Schnitt unter denen des Vorjahres lagen und die Bullenpreise im Sommer unter drei Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht gefallen waren“, erläuterte Pfeifer.

Milchwirtschaft

Die genossenschaftlichen Milchverarbeitungsunternehmen in Rheinland und Westfalen erzielten 2009 einen verringerten Umsatz von 3,5 Milliarden Euro (Vorjahr: 4,6 Milliarden Euro) bei gleichzeitig stabilen oder auch höheren Verarbeitungsmengen in den Einzelunternehmen. Die Preise für Milch und Milchprodukte entwickelten sich nach unten.

Der durchschnittliche Auszahlungspreis der genossenschaftlichen Molkereiunternehmen lag bei 24,5 Cent (Vorjahr: 33,0 Cent) pro Kilogramm Milch. „Das einzig Erfreuliche am Auszahlungspreis 2009 war, dass er sich in der zweiten Jahreshälfte leicht erholen und stabilisieren konnte“, so Pfeifer. Dieser Trend scheine sich derzeit fortzusetzen. „Als Unternehmen der Landwirte wollen die Molkereien den Bauern zuvorderst ein leistungsfähiger Marktpartner sein. Der derzeit im Markt zu erzielende Milchpreis ist daher noch nicht zufriedenstellend“, sagte der RWGV-Vorsitzende. Pfeifer verwies ausdrücklich darauf, dass es sich bei eingetragenen Genossenschaften um klassische Erzeugerzusammenschlüsse handelt. „Zwischen dem Erzeuger und seiner Genossenschaft gibt es keine Marktstufe. Beide bilden eine Einheit“, betonte der RWGV-Vorstand.

Es gelte, für die Zukunft die im RWGV bereits vorhandenen, schlagkräftigen Strukturen in der genossenschaftlichen Milchwirtschaft weiter zu entwickeln. Der Verfall der Quotenpreise sei ein weiteres Indiz dafür, dass das gesteuerte Mengensystem in keinem Fall in die Verlängerung geht.

Obst-, Gemüse- und Gartenbau

Auch im Obst-, Gemüse- und Gartenbau haben die guten Ernten die Märkte gehörig unter Druck gesetzt. „Gerade im Bereich Obst war es für die genossenschaftlichen Unternehmen schwierig, akzeptable Preise zu erzielen“, erklärte Pfeifer. Die Obst-, Gemüse- und Gartenbaugenossenschaften im RWGV, allen voran die Landgard eG, steigerten ihren Umsatz im vergangenen Jahr dennoch von 1,4 Milliarden auf knapp 1,6 Milliarden Euro.

Weinwirtschaft

Während in fast allen landwirtschaftlichen Bereichen im Jahr 2009 Rekordernten vermeldet wurden, haben die Winzer an Rhein, Mosel und Ahr weniger Trauben bei ihren Genossenschaften abgeliefert. „Kleinere Menge – dafür aber herausragende Qualitäten. Auf diese Formel lässt sich das vergangene Jahr bringen“, so Pfeifer. Die hohen Qualitäten gelte es nun zu entsprechenden Preisen am Markt abzusetzen. „Gerade die Spätburgunder-Sorten werden von Winzern als herausragend bezeichnet“, sagte Pfeifer. Das stetige Umsatzwachstum der Winzergenossenschaften setzte sich auch im Jahr 2009 fort. Der addierte Umsatz der 13 Unternehmen beläuft sich auf rund 85 Millionen Euro.

Genossenschaften bei Aus- und Weiterbildung stark

„Besonders froh bin ich darüber, dass unsere Genossenschaften im Bereich Aus- und Weiterbildung weiterhin gut unterwegs sind“, sagte Hans Pfeifer. Ausbildungsquoten von zehn Prozent seien in den Betrieben die Regel. Auch das Trainee-Programm des RWGVs für künftige Geschäftsführer ist im Jahr 2009 erfolgreich weitergeführt worden. Es richtet sich an Hochschulabsolventen wie auch engagierte Praktiker, die sich zielgerichtet weiterqualifizieren wollen. „Ein ange-hender Geschäftsführer einer Genossenschaft muss Mitarbeiter führen können, fit in Betriebswirtschaft sein, das Handelsgeschäft aus der Praxis kennen und mit der landwirtschaftlichen Produktionstechnik vertraut sein“, beschrieb Pfeifer das gewünschte Bewerberprofil. Zwei Nachwuchskräfte sind im vergangenen Jahr aus einer Vielzahl von Bewerbern ausgewählt worden. Interessierte können sich beim RWGV über die Teilnahme am Trainee-Programm informieren.

Rund 640 genossenschaftliche Unternehmen in Rheinland und West-falen haben sich unter dem Dach des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes e.V. (RWGV), Münster, zusammengeschlossen. Die Kreditgenossenschaften, landwirtschaftlichen Warengenos-senschaften sowie die gewerblichen Genossenschaften gehören den mehr als 2,8 Millionen Mitgliedern. Damit ist die Genossenschaftsgruppe die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation in der Region. Der RWGV steht als Prüfungs-, Beratungs- und Betreuungsverband im Dienste seiner Mitgliedsgenossenschaften und vertritt ihre Interessen.

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