4. April 2017 Landwirtschaftliche Genossenschaften stemmen sich gegen Preisverfall

Münster. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften in Rheinland und Westfalen haben im Geschäftsjahr 2016 gekämpft und trotz niedrigem Preisniveau ordentlich abgeschnitten. „Damit tragen unsere Genossenschaften ganz wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Erhalt bäuerlicher Strukturen in Nordrhein-Westfalen bei“, erklärte Ralf W. Barkey, Vorstandsvorsitzender des Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverbandes (RWGV), anlässlich des Jahrespressegespräches für die landwirtschaftliche Sparte in Münster. Zudem belege die Anerkennung der genossenschaftlichen Idee als immaterielles Kulturerbe den Beitrag der Genossenschaften zu sozialem Zusammenhalt.

131 landwirtschaftliche Primärgenossenschaften und Zentralen unter dem Dach des RWGV setzten im vergangenen Jahr 16,8 Milliarden Euro um: „Die landwirtschaftlichen Genossenschaften in Rheinland und Westfalen und ihre rund 104.000 Mitglieder sind eine Triebfeder der regionalen Wirtschaftskreisläufe“, so Barkey. Gleichwohl stellt Barkey rückläufige Wertumsätze durch gesunkene Preise in vielen Agrar-Sparten fest: „Egal, ob Futtermittel-, Getreide-, Milch- oder Energie-Preise, es herrschte ein niedriges Preisniveau, das der ganzen Branche zu schaffen machte.“

Einen Grund für das niedrige Preisniveau sieht der RWGV-Vorstand im verlängerten Einfuhrstopp von Russland: „Jetzt schon im dritten Jahr werden die Genossenschaften durch die Russland-Sanktionen belastet. Diese Entwicklung bestätige die Abhängigkeit der deutschen Bauern vom Außenhandel, so Barkey. Die Perspektiven für das Agribusiness bleiben daher insgesamt getrübt. Geopolitische Unsicherheiten, eine geschwächte Europäische Gemeinschaft und gesellschaftspolitische Diskussionen stellen die Zukunftsfähigkeit der Branche auf den Prüfstand.

Warenwirtschaft: Sinkende Preise drücken Umsatz
Ungeachtet der stabilen Gesamtentwicklung waren die Umsatzzahlen in den Bereichen Agrarerzeugnisse, Energie und Baustoffe rückläufig. Dies lag vor allem an den geringen Preisen, denn die verkauften Mengen konnten um 2,8 Prozent gesteigert werden. Der Umsatz hingegen verringerte sich um 3,6 Prozent auf 1.387 Millionen Euro.

Die genossenschaftliche Futterwirtschaft meldet trotz der angespannten Einkommenslage in der Landwirtschaft nur geringe Absatzeinbußen. Der Mengenabsatz in diesem Bereich verringerte sich um 4,6 Prozent. Der Umsatz ging entsprechend um 4,7 Prozent auf 146,3 Millionen Euro zurück. „Für das laufende Jahr rechnen wir mit einer stagnierenden bis leicht steigenden Nachfrage im Futtermittelbereich“, so Barkey.

Genossenschaftliche Milchwirtschaft
Für die fünf genossenschaftlichen Milchverarbeitungsunternehmen war 2016 ein sehr schwieriges Wirtschaftsjahr: „Der Markt war durch starke Schwankungen der Preise und des Milchangebots gekennzeichnet“, so Barkey. Das führte zu erheblichem Mengendruck mit sehr niedrigen Notierungen. Der Jahresdurchschnitt lag bei etwa 26,5 Cent pro Kilogramm Milch und damit rund 10 Prozent unter dem Vorjahr. Erst zur Jahresmitte trat eine Stabilisierung ein. Bei den Molkereigenossenschaften ging der Umsatz deshalb sowohl mengen- als auch preisbedingt gegenüber dem Vorjahr um 12,8 Prozent auf 2,5 Milliarden Euro zurück.

Obst, Gemüse & Gartenbau: Steigerung der Umsätze
Gesteigert werden konnten die Umsätze der genossenschaftlichen Obst-, Gemüse- und Gartenbauwirtschaft. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verzeichnete die Branche ein Plus von 5,4  Prozent auf 1,9 Milliarden Euro.

Weinwirtschaft mit stabilen Jahresumsätzen
Stabil zeigt sich auch in diesem Jahr wieder die Weinwirtschaft: Die elf Winzergenossenschaften im RWGV-Gebiet verzeichneten 2016 solide Umsätze. „Mit rund 104 Millionen Euro bewegt sich der Umsatz nahezu exakt auf dem des Vorjahres“, so Barkey. Insgesamt wurde eine mengenmäßig zwar durchschnittliche, aber qualitativ herausragende Ernte mit exzellenten Weinen aller Prädikatsstufen eingelagert.

Branche für 2017 leicht optimistisch
Mit Blick auf den in jüngster Zeit erfolgten Preisanstieg bei tierischen Erzeugnissen ist die Aussicht auf das laufende Geschäftsjahr von leichter Zuversicht geprägt. Im Vergleich zum Vorjahr gibt es hauptsächlich in der Fleischwirtschaft einen deutlichen Zuwachs beim Drittlandexport, der insbesondere von China getragen wird. Die Milcherzeugung bewegt sich in Deutschland und der EU, aber auch in anderen wichtigen Exportregionen unter Vorjahresniveau. Ferner rechnet die EU-Kommission für 2017 mit einem moderaten Mengenplus um 0,5 Prozent. „Die Erholung der globalen Nachfrage nach Milch und Milcherzeugnissen dürfte sich fortsetzen, so dass Angebot und Nachfrage in einem besseren Verhältnis zueinander stehen, als es 2015 und 2016 der Fall war“, so Barkey.

„Die Bedeutung der Warengenossenschaften allein an betriebswirtschaftlichen Zahlen messen zu wollen, wäre zu kurz gegriffen“, betonte Barkey. Die Genossenschaftsidee ist im November 2016 von der UNESCO im äthiopischen Addis Abeba zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit ernannt worden. Genossenschaften bekennen sich zur Sozialen Marktwirtschaft und gesellschaftlichen Teilhabe aller. Sie stärken die mittelständische Wirtschaft und die Mündigkeit und Eigenverantwortung aller Bürger. Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung sind nicht nur die Grundprinzipien der genossenschaftlichen Unternehmensform, sondern zugleich wichtige Grundlagen der Bürgergesellschaft.