21. April 2017 Auf dem Weg zur „Twitter eG“?

Auf Facebook, Instagram, Twitter und Co. vernetzen sich Menschen in Eigenregie und tauschen Informationen aus, ganz ohne „Schleusenwärter“ wie Zeitungen oder Fernsehsender. Dennoch kontrollieren sie diese „sozialen“ Medien nicht selbst. Die größten Plattformen werden betrieben von börsennotierten, internationalen Großunternehmen.

Dass solche Unternehmen vor allem die Interessen der Werbekunden verfolgen, liegt auf der Hand. Zurecht machen sich Nutzer der sozialen Medien Sorgen darüber, was die Plattformbetreiber mit ihren Daten machen.

Eine Gruppe von Twitter-Nutzern hat diese Nachteile erkannt. Sie hat für die Hauptversammlung des US-Unternehmens am 22. Mai einen Antrag eingereicht, laut dem Twitter prüfen soll, ob eine Umwandlung in eine Genossenschaft möglich wäre. Die Rechtsform der Genossenschaft liegt dem Grundgedanken der sozialen Medien schließlich viel näher als die börsennotierte AG: Genossenschaften sind demokratisch kontrolliert, und sie haben das Ziel, den Nutzen für ihre Mitglieder - und nicht etwa die Gewinne - zu maximieren.

Bestrebungen, die sozialen Medien ganz in die Hände ihrer Nutzer zu legen, gibt es aber nicht nur bei Twitter. Ein weiteres Beispiel ist das neue soziale Netzwerk Mastodon, gestartet vom 24-jährigen Eugen Rochko aus Jena. Es basiert auf Open-Source-Software, die die Teilnehmer selbst auf Webservern installieren und betreiben. Die kleinsten der Mastodon-Server („Instanzen“) haben nur einen Teilnehmer, die größten 50.000 und mehr. Da die Server untereinander vernetzt sind, können die weltweit rund 400.000 Mastodon-Teilnehmer auch unabhängig von ihrer jeweiligen „Instanz“ miteinander kommunizieren.

Die Frage ist natürlich, wie ein solches dezentrales soziales Netzwerk auf Dauer professionell betrieben werden kann. Doch genau so etwas könnte man genossenschaftlich organisieren. Dass sich Webserver genossenschaftlich verwalten lassen, beweist seit 17 Jahren zum Beispiel die Hostsharing eG.

Es ist daher durchaus vorstellbar, dass eines Tages echte genossenschaftlich-demokratische Organisationen an die Stelle heutiger „sozialer“ Medien treten werden, die in Wahrheit von Großkonzernen kontrolliert werden. Erforderlich ist nur Erfindungsgabe - und ein starker Wille zur Eigenverantwortung.

Kommentare

  • Daniel H. Ottersbach 25. April 2017 um 15:40

    Sehr geehrter Herr Barkey,
    vielen Dank für diesen Blog-Beitrag. Richtig, dies muss nicht nur eine Vorstellung bleiben. Was es braucht? Erfindungsgabe und Eigenverantwortung. Eigenverantwortung kann unterstützt, aber nicht initiiert werden. Erfindungsgabe hingegen kann allerdings durch unterschiedliche Angebote, Formate und Unterstützungsangebote gefördert werden. Genossenschaftliche Bildungsangebote zu Design Thinking, Innovation(-smanagement), Kreativität, Gründungsthemen etc. sind hier erforderlich. Auch die Gründung eines genossenschaftlichen Inkubators wäre ein richtiger und notwendiger Schritt, um Vorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen.

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