Geschichte des RWGV

Geschichte des RWGV

72 Kilometer legte der Vorstand des Handwerker-Unterstützungs-Vereins aus Geilenkirchen zurück, um im Jahr 1861 am ersten Treffen der Genossenschaften in Rheinland und Westfalen teilzunehmen. Ein weiter und beschwerlicher Weg, denn er musste den Großteil mit der Kutsche bewältigen. Aus unserer heutigen Sicht lohnten sich die Bemühungen allemal, denn aus dem Treffen in Duisburg ging der Verband der Vorschuss- und Kreditvereine in Rheinland-Westfalen hervor. Seine Mitglieder sind heute im Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband organisiert.

In Duisburg, einer Stadt, die erst am Anfang ihres Aufstiegs zu einer Industrie- und Handelsstadt stand, wollten sich die Genossenschaften der Region zusammentun. Doch ein gemeinsames Treffen zu organisieren war – wie die Wege zueinander – mühsam, und so fanden sich in Duisburg nur vier Genossenschaften ein: die Vorschussvereine von Krefeld und Mülheim an der Ruhr, die Schneider- Association aus Barmen und der Handwerker-Unterstützungsverein aus Geilenkirchen. Trotz der geringen Beteiligung machte sich das Quartett daran, die Gründung eines Verbandes in die Wege zu leiten. Sie setzten für den Frühling 1862 eine erneute Versammlung an und legten als Gründungszweck fest: „Der Provinzialverband hat drei Zwecke zu verfolgen, nämlich wechselseitige Geschäftsverbindung, gegenseitiger Austausch von Erfahrungen auf dem Gebiete des genossenschaftlichen Lebens und Verbindung mit den übrigen Vereinen unseres deutschen Vaterlandes […].“

Lob von Schulze-Delitzsch
Die Gründung des Verbandes der Vorschuss- und Kreditvereine in Rheinland-Westfalen stand von Beginn an unter der Schirmherrschaft des berühmten Genossenschaftsgründers Hermann Schulze-Delitzsch. Er veröffentlichte das Vorhaben der vier Genossenschaften in seiner Zeitschrift „Innung der Zukunft“, die er herausgab, um der neuen Bewegung ein Sprachrohr zu verleihen. Schulze-Delitzsch ließ eigens einen Kommentar der Zeitungsredaktion unter den Bericht setzen, denn eine geplante Verbandsgründung war zu dieser Zeit etwas Neues und sollte besonders gewürdigt werden. „Im Vorstehenden begrüßen wir einen neuen Versuch, den Vorschussvereinen und Rohstoff-Associationen eines engern Landesteils […] ein gemeinsames Band, einen gemeinsamen Mittelpunkt zu geben“, kommentierte die Redaktion wohlwollend.

Gründungstreffen im Dunkeln
Über das Gründungstreffen 1862 sind keine Aufzeichnungen vorhanden, wie so vieles der frühen Verbandsgeschichte liegt es im Dunkeln. Auch der genaue Gründungsname ist nicht überliefert. Die späteren Verbandsgeschichtsschreibung ist sich nicht einig, wahrscheinlich aber ist der Name: „Der Verband der Vorschuss- und Kreditvereine in Rheinland-Westfalen“. So wurde er seit 1864 in der offiziellen Liste des Allgemeinen Verbandes aufgeführt. Sicher ist, dass das genossenschaftliche Treffen diesmal mehr Anklang fand, denn die Verbandsgründung konnte in die Tat umgesetzt werden. Der Beweis: In der „Innung der Zukunft“ vom Juli 1862 wird in einer Liste der bestehenden regionalen Verbände erstmals ein Verband „für Preußisch Rheinland und Westfalen“ genannt. Er gehört damit laut der Zeitschrift zu den ersten drei „Landes- und Provinzial-Unterverbänden“ im damaligen Deutschen Bund.

Verbandsidee macht Schule
Der Verband der Vorschuss- und Kreditvereine in Rheinland-Westfalen entwickelte sich in den Jahren nach seiner Gründung schnell. In den Mitteilungen zum achten Allgemeinen Vereinstag in Kassel 1866 wurden zwölf rheinische und zehn westfälisch-lippische Genossenschaften zum Verband gezählt. Nach dem Verband der Vorschuss- und Kreditvereine in Rheinland-Westfalen von 1862 entstanden noch weitere Verbände in Rheinland und Westfalen. Die Bauern und Handwerker der Genossenschaften brauchten einen Verband vor Ort, denn die Kommunikations- und Reisemöglichkeiten über weite Entfernungen hinweg waren noch nicht gegeben. Bei der Entstehung von Genossenschaften und deren Verbänden waren neben Hermann Schulze-Delitzsch auch Friedrich Wilhelm Raiffeisen sowie Wilhelm Haas und Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst maßgeblich beteiligt.

Gegen alle Widerstände
In den zersplitterten Ländern des deutschen Bundes gestaltete sich die Zusammenarbeit auf Verbandsebene als schwierig. Die einzelnen Staaten hatten eine unterschiedliche Rechtsprechung, und nicht alle waren dem Zusammenschluss der „niederen Bevölkerung“ in Genossenschaften freundlich gesinnt. Zur Akzeptanz der Genossenschaften trug dann besonders das Genossenschaftsgesetz im Jahre 1889 bei. Federführend war hierbei erneut Hermann Schulze-Delitzsch. Das Gesetz regelte erstmals alle rechtsformspezifischen Vorschriften. Es löste einen regelrechten Gründungsboom aus und trug auch zu den Verbandsgründungen in Rheinland und Westfalen bei.

Prüfung setzt sich durch
Erfahrungsaustausch und gegenseitige Hilfe gehörten von Anfang an zu den Aufgaben eines Verbandes, die Prüfung der Mitgliedsgenossenschaften musste sich erst durchsetzen. Auch der Verband für „Preußisch Rheinland und Westfalen“ von 1862 war zuerst ein loser Zusammenschluss ohne Prüfungs- und Betreuungsfunktion. Freiwillige Prüfungen gab es, von Schulze-Delitzsch angeregt, seit dem Vereinstag des Allgemeinen Verbands 1878. Die frühzeitige Einführung der genossenschaftlichen Pflichtprüfung im Jahre 1881 und deren gesetzliche Festlegung acht Jahre später erwiesen sich dann als bedeutungsvoll für das Verbandswesen und die Festigung des gewerblichen Genossenschaftswesens.

Mit Kooperationen durch das 20. Jahrhundert
Um 1900 existieren bereits neun Verbände aus landwirtschaftlicher und gewerblicher Richtung in Rheinland und Westfalen. Diese trugen zu dem großen Erfolg der Genossenschaftsbewegung in der Region bei, und deren Vertretung nach außen verhalf der Rechtsform zu mehr Akzeptanz und wirtschaftlichem Erfolg. Der erste Verband in Rheinland und Westfalen von 1862 existierte mit wechselnden Verbandssitzen von Dortmund bis Lüdenscheid bis 1920 und löste sich dann auf. Die Mitglieder traten dem Westfälisch-Lippischen Genossenschaftsverband bei, der bis ins 20. Jahrhundert hinein Bestand hatte. Er überstand Inflation, Weltwirtschaftskrise und die zwei Weltkriege. Im Nationalsozialismus machte die Gleichschaltung und Arisierung auch vor den deutschen Genossenschaftsverbänden nicht halt. 1971 schloss sich der Westfälisch-Lippische Genossenschaftsverband mit dem Verband ländlicher Genossenschaften zusammen, als „Westfälischer Genossenschaftsverband“ vertrat er nun die gesamten westfälischen Genossenschaften. Im Rheinland fusionierten die regionalen Verbände ebenfalls zu einem Verband, dem 1970 gegründeten „Genossenschaftsverband Rheinland“. Auch Rheinland und Westfalen näherten sich an, bis sich 2002 der Westfälische Genossenschaftsverband mit dem Genossenschaftsverband Rheinland zusammenschloss – der heutige Rheinisch-Westfälische Genossenschaftsverband war entstanden.

Der RWGV heute
Anders als in den 1860er-Jahren können die Genossenschaftsmitglieder heute mit Auto und Bahn durch Rheinland und Westfalen reisen. Die Wege durch das Verbandsgebiet sind dafür aber um einiges länger, denn der Rheinisch-Westfälische Genossenschaftsverband hat in seiner geographischen Ausdehnung nicht mehr viel mit seinen Ursprüngen zu tun: Sein Gebiet umfasst ganz Nordrhein-Westfalen und den Norden von Rheinland-Pfalz. Er ist damit die Interessenvertretung von rund 700 genossenschaftlichen Unternehmen in Rheinland und Westfalen, die Stimme von mehr als 3,2 Millionen Mitgliedern von Kreditgenossenschaften, landwirtschaftlichen Warengenossenschaften und gewerblichen Genossenschaften. Der RWGV kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. 2012 war Jubiläumsjahr: In diesem Jahr feierte der RWGV mit einer Verbandstagsgala und dem "Tag der Genossenschaften" in Bonn sein 150-jähriges Bestehen.