Gründerväter

Genossenschaften gibt es seit über 150 Jahren. Sie verdanken ihre Gründung zwei großen Sozialreformern des 19. Jahrhunderts: dem Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen aus dem Westerwald und dem Richter Hermann Schulze aus Delitzsch.

Es war die Zeit der industriellen Revolution. Die "kleinen Leute", Handwerker, Bauern und Gewerbetreibende, kämpften ums Überleben. Raiffeisen und Schulze-Delitzsch riefen zur Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung auf und gründeten die ersten Genossenschaften: Von nun an waren die „kleinen Leute“ Marktpartner, kauften gemeinsam ein, produzierten und gaben sich gegenseitig Kredite.

Neben Schulze-Delitzsch und Raiffeisen zählt Wilhelm Haas zu den Persönlichkeiten, die das Genossenschaftswesen entscheidend mitgeprägt haben. Während die beiden Erstgenannten als Genossenschaftsgründer wirkten, gilt Haas als derjenige, der dem Genossenschaftswesen seine Organisationsform gab.

Für Westfalen von besonderer Bedeutung war Burkhard Freiherr von Schorlemer Alst. Er war nicht nur der Gründer des Westfälischen Bauernvereins, sondern auch der Initiator der ländlichen Genossenschaftsbewegung in Westfalen im 19. Jahrhundert.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen
Hermann Schulze-Delitzsch
Wilhelm Haas
Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst


Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Veranlasst durch die Not der Landbevölkerung gründete Friedrich Wilhelm Raiffeisen (30. März 1818 – 11. März 1888) als Bürgermeister von Weyerbusch (Westerwald) im Hungerwinter 1846/47 den „Verein für Selbstbeschaffung von Brod und Früchten". In einem selbst errichteten Backhaus wurde Brot gebacken, das auf Vorschuss an die Bedürftigen verteilt wurde. Der „Brod-Verein" und der „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein von 1864" waren die ersten vorgenossenschaftlichen Zusammenschlüsse und der Beginn der weltweiten genossenschaftlichen Bewegung. Mit seiner Initiative verwirklichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen erstmals in moderner Form die Idee der Selbsthilfe von Menschen in einer festen Gemeinschaft.

Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung – diese Prinzipien kennzeichnen bis heute die Arbeit der Genossenschaften nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Aus den Notgemeinschaften haben sich leistungsfähige Unternehmen im Bankensektor, im Gewerbe und in der Agrarwirtschaft entwickelt. In über 100 Ländern mit mehr als 700.000 Genossenschaften und rund 380 Millionen Mitgliedern wird heute die Idee Raiffeisens und seine Verwirklichung gelebt und gefördert.

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Hermann Schulze-Delitzsch

Hermann Schulze-Delitzsch

Der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens, Hermann Schulze, wurde am 29. August 1808 in der sächsischen Kleinstadt Delitzsch geboren. Er war der älteste Sohn unter zehn Kindern des Bürgermeisters und Richters Schulze.

Nach dem Studium der Rechte in Leipzig und Halle wurde er nach mehreren Ausbildungsstationen Richter in Delitzsch. Sein politisches Engagement führte ihn 1848 als Abgeordneten in die preußische Nationalversammlung; hier wirkte er insbesondere in der Komission für Handwerker-Angelegenheiten. Mit der Auflösung der Nationalversammlung verlor er sein Richteramt und wurde 1851 „Armenanwalt“ in Delitzsch. Von 1861 an war er preußischer Abgeordneter, später Reichstagsabgeordneter bis zum Tode.

Ihn bewegte das große soziale Problem des 19. Jahrhunderts: "die Arbeiterfrage". Dafür setzte er sich politisch als liberaler Abgeordneter ein, sozial-ethisch als Richter, vor allem aber als Gründer und Organisator der Genossenschaften.

Hermann Schulze gründete 1849 die ersten Handwerker-Genossenschaften und 1850 die ersten Kreditgenossenschaften (Vorschussvereine). Seine genossenschaftlichen Erfahrungen und Instruktionen flossen 1867 in das Preußische Genossenschaftsgesetz ein und seine Reformvorschläge in das Genossenschaftsgesetz von 1889, das in seinen Grundzügen heute noch Gültigkeit hat. Als Anwalt (Präsident der Genossenschaften) regte er 1864 die Bildung von genossenschaftlichen Landes- und Provinzialverbänden sowie einer zentralen Genossenschaftsbank an und legte so den Grundstein für eine genossenschaftliche Organisation („Allgemeiner Verband der auf Selbsthilfe beruhenden deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“). Als Politiker engagierte sich Schulze für die sozial Schwachen, indem er die Gründung von Gewerkschaften (Gewerkvereine) förderte und bergbauliche Knappschaftskassen einrichtete. Dem Mittelstand, insbesondere dem Handwerk, half er durch Gründung von Genossenschaften. Er setzte sich ebenso für die Bildung der Arbeiter ein. Als überzeugter Liberaler lehnte er jegliche staatliche Subvention ab und ermunterte die Bürger zur Selbsthilfe und Selbstverantwortung. Hermann Schulze-Delitzsch war einer der großen Sozialreformer des 19. Jahrhunderts. Er starb am 29. April 1883 in Berlin.

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Wilhelm Haas

Wilhelm Haas

Wilhelm Haas war der Gründer des großen „Reichsverbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften“, einer genossenschaftlichen Parallelorganisation zu Raiffeisen. Er wurde 1839 in Darmstadt geboren. Nach dem Jurastudium in Gießen trat er als Kreisassessor in den hessischen Verwaltungsdienst.

Haas fand über den landwirtschaftlichen Warenbezug zur genossenschaftlichen Organisation. Er gründete 1872 in Friedberg den Landwirtschaftlichen Konsumverein (Warengenossenschaft) und fasste die zahlreichen bereits bestehenden Konsumvereine Hessens zu einem Verband zusammen, um so bessere Einkaufskonditionen und bessere Qualitäten zu erreichen. Er vereinheitlichte das Rechnungswesen der Warengenossenschaften. 1879 wählte man ihn zum Präsidenten der hessischen und badischen Kreditgenossenschaften. Haas entschied sich pragmatisch für einen dezentralen Aufbau der Genossenschaftsorganisation. 1883 riefen unter seiner Regie 200 Konsumvereine und einige Molkereigenossenschaften den Reichsverband ins Leben. 1904 gründete er die erste Genossenschaftsschule in Darmstadt, in der Revisoren und Verbandsbeamte ausgebildet wurden. Auch internationale Kontakte stellte Haas her; die Gründung des „Internationalen Bundes der landwirtschaftlichen Genossenschaften“ 1907 geht maßgeblich auf seinen Einfluss zurück.

Wie Schulze-Delitzsch war auch Haas politisch stark engagiert. Im hessischen Landtag vertrat er die National-Liberale Partei und war ihr Präsident. Auch im Reichstag engagierte er sich für die Belange der Genossenschaften. Als Präsident des hessischen Landwirtschaftsverbandes gründete er die ersten Landwirtschaftskammern.

Haas gehörte zu den großen Organisatoren des Genossenschaftswesens. Er starb 1913 in Darmstadt.

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Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst

Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst

Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst, genannt „Westfälischer Bauernkönig", war nicht nur der Gründer des "Westfälischen Bauernvereins", sondern auch Initiator der ländlichen Genossenschaftsbewegung in Westfalen. Er wurde 1825 auf Schloß Herringhausen bei Lippstadt geboren. Nach einer Offiziersausbildung kaufte er 1852 das Rittergut Alst bei Horstmar.

Schorlemer-Alst lernte bei der Mitwirkung in einer Bonitierungskommission die Sorgen der Landwirte aus unmittelbarer Nähe kennen. Nach seiner Auffassung fand die zahlenmäßig starke Bevölkerungsgruppe der Landwirtschaft nicht entsprechende gesellschaftliche Beachtung; daher gründete er 1862 den ersten Bauernverein für den Kreis Steinfurt und 1871 für ganz Westfalen. Dieser berufsständische, politisch unabhängige Verband vertrat die Interessen der ländlichen Bevölkerung. Besondere Anliegen von Schorlemer-Alst waren das Anerbenrecht, die Feuer- und Lebensversicherung, Ausbildung der Landwirte in Winterschulen, der gemeinschaftliche Warenbezug sowie Förderung und Ausbau einer genossenschaftlichen Geld- und Kreditversorgung.

Bei aller politischen Neutralität des Bauernvereins war Schorlemer-Alst eine politische Kämpfernatur. Er war Vorsitzender des Zentrums im Preußischen Landtag, später Reichstagsabgeordneter und im Kulturkampf ein erbitterter Gegner Bismarcks.

Er war als Vorsitzender des Verbandsausschusses erster Präsident der westfälischen Genossenschaften. Ebenso führte er viele Jahre in Personalunion den Westfälischen Provinzialverein, Vorläufer der Landwirtschaftskammer.

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